26.01.2010

Markus Brehler - O'zapft is

Gemeinsam mit vier Kollegen gründete der frühere Siemens-Manager 2001 Enocean. Mit ihrer Funktechnik will die Münchner Firma den "Ozean ungenutzter Energie" anzapfen, der uns umgibt.

Eine Urkunde neben der anderen hängt in den langen Bürofluren von Enocean im Münchner Vorort Oberhaching: Bayerischer Innovationspreis, Red Herring Award, Technology Pioneer des Weltwirtschaftsforums, "Start-up of the Year" der Hasso Plattner Ventures und so weiter und so fort.

So viele Auszeichnungen hat die Elektronikfirma seit ihrer Gründung 2001 schon bekommen, dass Gründer und Firmenchef Markus Brehler sie kaum mehr zählt. Der Grund für so viel Lob: Enocean hat eine Technik entwickelt, mit der Schalter batterielos Funksignale senden können, zum Beispiel an Lampen und Jalousien. Den Strom fürs Funken erzeugt der Schalter selbst. Einen "Ozean ungenutzter Energie" gebe es, sagt Brehler - und diese Erkenntnis findet sich im Firmennamen wieder.

Durch die Technologie des Startups kommen Gebäude mit deutlich weniger Kabeln aus. Bei einem Hochhaus sinkt der Kupfer- und PVC-Bedarf so schnell um ein paar Hundert Kilo. Darüber hinaus helfen die Sensoren, Energie zu sparen: Öffnet man Fenster für einige Minuten zum Lüften, kann der Griff per Signal die Heizung solange abschalten. 20 Prozent Heizenergie, rechnet Brehler vor, könnten auf diese Weise eingespart werden.

Der 46-Jährige ist überzeugt von der grünen Idee, im Büro werden Biokaffee und Biomilch kredenzt. "Es geht darum, wie mit den Ressourcen umgegangen wird", sagt Brehler. "Unser Unternehmen denkt grün in jeder Hinsicht." So ließ er im Enocean-Büro eine Dusche einbauen - für Mitarbeiter, die mit dem Fahrrad kommen. Zudem stellt er seinen Leuten Räder für den Weg zur S-Bahn zur Verfügung.

Zum Thema Nachhaltigkeit gehört für ihn auch, dass seine Mitarbeiter gern zur Arbeit kommen. So hatte Enocean von Anfang an keine Probleme, gute Leute zu finden - obwohl das Startup bei den Gehältern nicht mit Konzernen mithalten kann. "Die guten Leute sind auch an guten Aufgaben interessiert - und an guten Chefs", meint Brehler. Statt hoher Fixgehälter gibt es eine Erfolgsbeteiligung für alle und Firmenanteile für die meisten: 30 der 45 Mitarbeiter in Deutschland sind an Enocean auch beteiligt.

Das Unternehmen hätte es wohl nie gegeben, wenn die Siemens-Entwickler Frank Schmidt und Oliver Sczesny in den 90er-Jahren die sogenannte Knacksensortechnik im Konzern hätten weiter vorantreiben können. Doch Siemens entschied sich dagegen. Mit Unterstützung des konzerneigenen Inkubators Siemens Technology Accelerator (STA) machten sich Sczesny, Schmidt, Brehler und zwei weitere Siemens-Manager Ende 2001 selbstständig. Die Büromöbel kauften sie aus Insolvenzen und über Ebay , inklusive Computern und Servern kostete die ganze Anfangsausstattung 20.000 Euro.

Knausern war Pflicht. Immerhin musste das Gründungskapital von 200.000 Euro sechs Monate reichen, so war der Plan - und die Zeit brauchten die fünf auch, um weiteres Geld aufzutreiben. Erst als die Münchner Wagniskapitalfirma Wellington Partners und Siemens Venture Capital einstiegen, ging es in größeren Schritten vorwärts. Insgesamt haben Wagnisfinanziers und der Rosenheimer Antennenbauer Kathrein bislang 22 Mio. Euro in Enocean gesteckt. Wellington-Gründer Rolf Christof Dienst ist noch heute begeistert von der Firma und der Fachkompetenz ihres Mitgründers Brehler: "Ich würde jederzeit eine weitere Firma mit ihm finanzieren."

Anfangs verkauften die Gründer ihre Technologie gar nicht so sehr unter dem Label "Greentech". "Uns war bei der Gründung schon klar, dass man mit dieser Technik Energie sparen kann - es hat damals nur niemanden interessiert." Deshalb betonten Brehler und seine Leute zu jener Zeit vor allem, wie leicht sich etwa bei einem Büroumbau Wände mitsamt Schaltern versetzen lassen, ganz ohne Kabelsalat. Erst als die Ölpreise 2008 stark stiegen, zog das Argument des Energiesparens: "Die Investition in unsere Technik lohnt sich in drei bis fünf Jahren", so Brehler.

Das Interesse kostenbewusster Bauherren treibt Enoceans Umsätze seither in die Höhe: Um mehr als 60 Prozent sind sie nach Brehlers Angaben im Geschäftsjahr 2008 gewachsen, um 70 Prozent 2009. Profitabel ist Enocean auch acht Jahre nach der Gründung noch nicht, gut 2 Mio. Euro betrug der Verlust 2008 laut Ausweis im Bundesanzeiger. Doch das Thema Profitabilität haben die Münchner in Absprache mit ihren Finanziers ebenso hintangestellt wie den zunächst schon für 2005 bis 2007 avisierten Börsengang.

Stattdessen forcierten sie mit den Mitteln der Gesellschafter die Expansion ins Ausland. In den USA hat Enocean bereits einige Großkunden gewonnen, im vergangenen Jahr erzielte das Unternehmen dort bereits die Hälfte seines Umsatzes. "Unser primäres Ziel ist es, einen globalen Standard zu setzen", sagt Brehler. "Bei batterielosem Funk haben wir praktisch keine Konkurrenz."

Dem vermeintlich sicheren Job beim Siemens-Konzern trauert Brehler nicht nach - ebenso wenig wie die vier anderen Gründer. "Man hat nirgends eine so steile Lernkurve wie bei einem neu gegründeten Unternehmen", sagt er.

(Quelle www.ftd.de, 26.01.2010)


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